iPad Bedienungshilfen

Den meisten iPad-Usern bleibt es verborgen, doch für Sehbinderte ist es ein Segen: Die Bedienungshilfen des iPads.

Gerhard ist zu 100% sehbehindert. Zwar nicht von Geburt an, aber lange genug, um keinerlei sehende Erfahrung mit Computern zu haben. So intuitiv grafische Benutzeroberflächen für Sehende sind, so komplex und schwer bedienbar sind sie für Nicht-Sehende. Bisher nutzt Gerhard einen Windowsrechner. Dies ausschließlich, um Hörbücher im Daisyformat zu lesen oder um Briefe einzuscannen und sich mittels Texterkennung vorlesen zu lassen. Die Bedienung des Computers läuft über den Nummernblock der Tastatur.

Können Sie sich vorstellen, dass man das iPad ebenfalls blind bedienen kann? Als ich das zum ersten Mal hörte, konnte ich mir das nicht vorstellen. Schließlich sind die Bildschirmelemente wie Apps oder Tastatur dynamisch eingeblendet – und damit nicht immer am selben Ort zu finden wie der Nummernblock der Tastatur. Der Touchscreen bietet offensichtlich keine haptischen Orientierungspunkte. Aber es geht doch. Und es geht sogar sehr gut!

Mit dem Einschalten der Bedienungshilfe Voice over öffnet sich die neue Welt: “Seite 1 von 3. Nachrichten. Zum Öffnen doppeltippen.” Sehende haben plötzlich Schwierigkeiten bei der Bedienung, denn die Fingergesten sind anders. Fährt der Finger über den Touchscreen, liest Voice over vor, was unter dem Finger zu sehen ist: “Kalender, Kontakte, App Store, iBooks. Zum Öffnen doppeltippen.” Das zuletzt berührte Element bleibt markiert. Ein Doppeltippen irgendwo auf dem Touchscreen öffnet oder aktiviert das aktuell markierte Element. “iBooks. Store. Taste.” Gerhard sucht zur Demonstration mit dem Finger ein Buch aus. “Max und Moritz. Wilhelm Busch. Öffne das Buch. Zum Neuanordnen doppeltippen und halten. Dann bewegen.” Er tippt doppelt auf das iPad. “Bibliothek. Taste.” Anschließend sucht der Finger durch den Text. Als er den Textanfang findet, streicht er mit zwei Fingern nach oben. Das Buch wird vorgelesen. Die Stimme ist monoton, aber sie liest alles. Auch PDFs, die es noch nicht als Hörbuch gibt.

Wir probieren den Browser. Die Adresszeile ist schnell gefunden, aber wie gibt man eine URL ein? Das iPad wird so eingestellt, dass die Buchstaben beim Überfahren mit dem Finger vorgelesen und beim Loslassen eingegeben werden. Die ersten Eingaben sind müßig. Gerhard kennt die Anordnung der QWERTZ-Tastatur nicht. Er braucht lange, um ein einfaches Wort einzugeben. Als die Webseite dann geladen ist, kommt dann das Aha-Erlebnis. Die Webseite ist mit dem Finger räumlich erfahrbar. Also gibt es doch eine Haptik. Gerhard lädt einen Wikipedia-Artikel. Anstelle sich die gesamte Seite vorlesen zu lassen, springt er zielsicher an den eigentlich Textanfang und liest.

Er zeigt mir weitere Apps. Er spielt Musik ab. Er telefoniert mit Skype. Er klinkt sich mit EchoLink auf ein Kanadisches Amateurfunkrelais ein und funkt mit dem iPad. Voice over funktioniert in allen Apps. Es ist keine eingeschränkte Zusatzsoftware, sondern fest im Betriebssystem verankert.

Gerhard ist übrigens mein Vater. Natürlich funktioniert nicht alles so reibungslos, wie dargestellt. Dafür hat er zu wenig Erfahrung mit Computern und zu viele Ängste mit dem Internet. Aber nach 2 Stunden gemeinsamen Üben geht er bereits eigene Schritte und entdeckt diese neue Welt für sich, die ihm bisher verschlossen lag. Danke, Apple.

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